Berlin Irrgang Fine Arts – Bild des Monats September

Mittwoch 01. September 2021 —
Donnerstag 30. September 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde unseres Kunst- und Grafikhandels,

bedauerlicherweise kennen wir nicht den Kontext, in welchem der Freiburger Maler mehr noch Graphiker Rudolf Großmann (1882-1941) das karikierende Porträt der damals berühmten Schauspielerin und Chansonette Auguste „Gussy“ M. Holl (1888-1966) angefertigt hat. Es fügt sich aber wunderbar ein in jene Reihe von Darstellungen, bei denen Großmann den Charakter und das Wesen seines Gegenübers mit der Radiernadel auf treffende Weise eingefangen hat.

Großmann, der unter dem Einfluss Paul Cézannes zunächst als Landschaftsmaler tätig gewesen war, arbeitete ab den späten 1910er Jahren hauptsächlich als Graphiker. Wertvolle Buchillustrationen, Porträts bekannter Zeitgenossen sowie Straßenszenen, die das bewegte Leben in den deutschen Großstädten dokumentieren, entstanden und wurden von der Kennerschaft mit Begeisterung aufgenommen.  Die Galeristen Alfred Flechtheim in Düsseldorf sowie Paul Cassierer in Berlin würdigten den erfolgreichen Künstler wiederholt in (Einzel-)Ausstellungen. Es folgte 1928 der Ruf an die Kunsthochschule Berlin, wo Rudolf Großmann bis zu seiner Absetzung 1934 lehrte.

Vielleicht war es nur eine zufällige, flüchtige Begegnung, die Großmann zu dem Porträt der damals noch jungen Künstlerin bewegt hat. Das Gussy Holl es vermochte, andere, insbesondere Männer, mit ihrer ungewöhnlichen Art nachhaltig zu beeindrucken, zeigt ein Zitat Kurt Tucholskys: „…Das ist eine! Chansons singt sie, geschickt, intelligent, klug, geschmackvoll…[ein] Zauberwesen, das nicht ißt, nicht schläft, nicht lebt, sondern das nur singt, Kußhände wirft und vom lieben Gott eigens dazu geschaffen ist, uns armen jungen Leuten Trost einzuflößen…“. Der Textauszug passt gut zu unserer Darstellung: selbstsicher lächelnd und scheinbar mühelos hält die Sängerin einen auf Zwergengröße zusammengeschrumpften älteren Herrn in ihren zarten Armen. In einer Mischung aus Trotz und stiller Hingabe hat dieser sich längst mit seiner misslichen Lage arrangiert – oder genießt er sie sogar!?
Die Charakterisierung Großmanns, eine Momentaufnahme von 1917, scheint auch noch Jahre später auf die Künstlerin zu passen. Denn vielleicht konnte sich auch der uns unbekannte Wolfgang noch 1952 gut mit der unterlegenen Männerfigur im Bild identifizieren und hat deshalb – augenzwinkernd – „seiner lieben Gussy“ die vortreffliche Graphik zu ihrem 64. Geburtstag geschenkt.

Damit grüßen wir Sie ganz herzlich und wünschen Ihnen einen unterhaltsamen Monat September
Ihre Thomas Treibig und Tobias Wachter

 

GussyHoll_www.galerie-irrgang.com

Rudolf Großmann – Porträt der Schauspielerin Auguste „Gussy“ Holl – 46×33,5 cm – aquarellierte Monotypie – o. J.
handschriftlicher Zusatz: 1-3 Drucke 1. Abdr. Gussy Holl 1917
(Berliner Privatbesitz)