Berlin Unser Highlight: : Rudolf Wildenhain – Jugendstil-Grafik

Sonntag 01. November 2026 —
Montag 30. November 2026

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde unseres Kunst- und Autographenhandels,

ein Bieretikett, ein Berggeist und eine Keksreklame: Ein Konvolut mit Farbholzschnitten, Lithographien und Entwürfen führt uns zu einem bislang kaum bekannten Gestalter. Rudolf Wildenhain (auch Wildenhain) erlernte sein Handwerk an der Königlichen Akademie Leipzig. Dort gehörten künstlerische Erfindung und drucktechnische Präzision eng zusammen: Seit 1877 bestanden Werkstätten für Holzschnitt, Kupferstich und Lithographie. 1900 erhielt die Einrichtung den Namen „Königliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe“. Die spätere Hochschule für Grafik und Buchkunst hatte ihren Schwerpunkt damit längst gefunden.

Mitten in diese Aufbruchsjahre führt Wildenhains Reklame für Bahlsens „NI·O·NE Biscuits“, deren Name mit „Nie ohne …“ spielt. Auf dem Bogen steht „W.S. 1903/4“: Wintersemester 1903/04. Rostrot, Ocker und Blaugrün, eine auffällige Bildmarke und eigenwillige Buchstaben geben dem Entwurf seinen unverwechselbaren Auftritt. Rundherum lässt sich die Arbeit am Druck ablesen: Passmarken zur Ausrichtung der Farben, eine kleine Farbskala, die Notiz „1. Andruck“, rückseitig „Schülerdruck“. Hinzu kommt der gekrönte Akademiestempel mit verschränkten Buchstaben und einer als Druckwalze lesbaren Form. Ob die Gestaltung für eine Verpackung bestimmt war oder eine freie Unterrichtsaufgabe erfüllte, bleibt offen. Als Zeugnis der praktischen Ausbildung ist sie ausgesprochen beredt. Wie vielseitig deren Aufgaben ausfielen, zeigen Exlibris, Monogramme, Brief- und Geschäftspapiere sowie Etiketten für „Bauer’s Brauerei Leipzig – Lager“. Hier umschließen Gerstenähren und konzentrische Ringe eine kompakte, kantige Schrift. Unterschiedliche Farbfassungen lassen uns beim Erproben der Wirkung gleichsam über die Schulter schauen.

Einen reizvollen Gegenpol bildet der Buchschmuck zu Johann Karl August Musäus’ (1735–1787) „Legenden von Rübezahl“ aus den Volksmärchen der Deutschen von 1782–1786. Der Weimarer Erzähler stattete den schlesischen Berggeist mit Witz, Launen und einem empfindlichen Sinn für menschliche Schwächen aus. Wildenhain gibt dieser Welt eine üppige Pflanzenkulisse: Rosen, Beeren, Pilze und verzweigte Ranken umziehen die Texte, farbige Schmuckinitialen öffnen neue Abschnitte, kleine Schlussvignetten setzen den letzten Akzent. Auf der illustrierten Seite zur Zweiten Legende greifen Figur, Landschaft und Schriftfeld unmittelbar ineinander. Die meisten dieser Rübezahl-Blätter sind auf perlmuttschimmerndem Japanpapier gedruckt, das den gedeckten Farben einen feinen, lichtabhängigen Glanz verleiht. Bei „Letzte Rose“ wiederum antwortet die ornamentale Rosenbordüre auf die Blüte, der sich eine dunkel gekleidete Frau zuwendet. Geschmeidige Linien und rhythmisch wiederkehrende Naturformen verraten den Jugendstil. Die sorgfältige Abstimmung von Schrift, Bild und Rahmen erinnert an die englische Arts-and-Crafts-Bewegung und ihr Ideal des durchgestalteten Buches. Um 1900 erlebte das schöne Buch eine neue Blüte: Als Antwort auf die industrielle Massenproduktion entdeckten Künstler, Verleger und bibliophile Sammler seinen Wert als sorgfältig gestalteten, sinnlich erfahrbaren Gegenstand. Vom griffigen Papier über eigens gezeichnete Buchstaben bis zum geschmückten Einband sollte jedes Detail zur Lektüre beitragen. In diesem Umfeld erhielten Originalgrafik und Buchschmuck besonderes Gewicht – und die Leipziger Schüler lernten, einer Geschichte schon durch die Gestaltung ihrer Seiten einen unverwechselbaren Charakter zu geben.

Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Leipziger Schüler-Andruck schlägt Wildenhain schließlich einen anderen Ton an: In den Neujahrsgrüßen von 1919/20 treten schroffe Konturen, kräftige Schwarz-Weiß-Kontraste und eine expressionistisch zugespitzte Formensprache hervor. Als Zeugnisse akademischer Ausbildung zeigen Wildenhains Entwürfe, wie durchdachtes Design die Gebrauchsgrafik zu einem wirkungsvollen kommerziellen Kommunikationsmittel machte.

Alle Werke des Künstlers finden Sie hier …

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Irrgang Fine Arts-Team