Berlin Unser Highlight : Lesser Ury | Damenbildnis
Im Jahre 2014 dürfen sich die glücklichen Besitzer einer kleinformatigen Großstadtdarstellung im beliebten Fernsehformat „Kunst & Krempel“ nicht nur über die Zuschreibung an den buntkreidebegeisterten Luft- und Lichtmaler Lesser Ury(1861-1931) freuen, sondern auch über einen rasch folgenden sechsstelligen Versteigerungsbetrag. Dass die Pastellzeichnungen des Künstlers nahezu denselben Wert haben, wie seine Gemälde, ist vor allem einer hochgradig körperlichen und sinnezehrenden Auseinandersetzung mit der pigmentstarken Substanz zu verdanken, die sich in entsprechendem Ausmaß nur bei dem französischen Zeitgenossen Edgar Degas offenbart.
Und tatsächlich lohnt ein Vergleich: Nach Studienaufenthalten in Düsseldorf und Brüssel, kommt Ury nach Paris, um in der renommierten Académie Julian bei Jules-Joseph Lefebvre weiterzulernen. Von jeher plein-air-fokussiert, befasst er sich eingehend mit den Arbeiten der französischen Impressionisten, ohne aber, wie der zeitgleich vor Ort weilende Franz Skarbina, deren Kontakt zu suchen. Er brütet über Kolorit und Textur, traktiert Leinwände grob mit dem Spatel und findet in den scheinbar eigenleuchtenden Pastellkompositionen Degas‘ letztlich seine ästhetische Entsprechung. Degas – wie Ury – Einzelgänger mit ausgeprägtem künstlerischem Eigensinn und leise schwelender Misanthropie, experimentiert geheimniskrämerisch und mit alchimistischem Elan an der Entwicklung eines Fixativs, das die feinen Pigmente ohne Farbverlust auf dem Malgrund halten soll, löst Kreidestifte in allerlei Flüssigkeiten auf, formiert sie sonnengehärtet zurück und trägt die Töne mit Fingern und Tüchern in Schichten auf. Ury tut es dem Älteren nach, kreiert aber eine Grundierung, die einen solchen Farbverlust gar nicht erst zulässt und mischt – die genaue Rezeptur ist bis heute nicht bekannt – weiße Kreide u. a. mit Gips. In diese samtige, angeraute Oberfläche werden die Farben mit Stift, Fingern oder Handballen so eingerieben, dass sich nicht nur eine geradezu netzhautfordernde Intensität entfaltet, sondern auch eine maximale zweidimensionale Plastizität.
Signifikante Ähnlichkeiten zeigen sich aber auch im Sujet: Beide arbeiten sich unersättlich am städtischen Nachtleben ab – Degas als Zaungast überfüllter Singlokale und Theater in Paris, Ury als Porträtist elektrisch erhellter Kaffeehäuser und feucht-verhuschter Hauptstadtstraßen. Die neben diesen und (einer Vielzahl atmosphärisch-unbewohnter Landschaften) im Gesamtwerk vergleichsweise rar gesäten Bildnisse des Letzteren dokumentieren vorrangig das stetig mit sich befasste Selbst, manchmal enge Freunde und nur selten zahlungsfreudige Gönner. So kann das hier vorgestellte, ungewöhnlich große Damenkonterfei mit seiner lieblich getönten Physiognomie und der hochgradig taktil beschaffenen Kostümierung im Œuvre des Individualimpressionisten fast als singulär gelten.
Die Zeichnung lag der Expertin Dr. Sibylle Groß 2024 zur Begutachtung vor und wird in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis aufgenommen. Für weitere Informationen zu der Arbeit kontaktieren Sie uns gern.

