Berlin Unser Highlight: : Max Schüller | 10 Briefe an den „Freund und Vetter“ | 1895-1902

Donnerstag 01. Oktober 2026 —
Samstag 31. Oktober 2026

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde unseres Kunst- und Autographenhandels,

angesichts der just erfolgten Höchstpreisverleihung für die herausragende, (u.a.) deutsche Forschung auf dem Gebiet der Heilkunst, möchten auch wir die Gelegenheit nutzen und ein Stück Medizingeschichte mit Ihnen teilen. Das Konvolut von zehn Briefen, die der passionierte Chirurg Max Schüller (1843-1907) zwischen 1895 und 1902 an den in Regensburg befindlichen „Freund und Vetter“ verfasste, gibt nicht nur einen spannenden Einblick in seine damals schon umstrittenen Forschungsthesen, sondern auch in die virtuos betriebene experimentelle Methodik.

Der bei Erfurt geborene Medizinberufene hatte die Universitäten Jena und Leipzig im Eilschritt durchlaufen, wurde 1868 mit einem Preis für ausgezeichnete Leistungen bedacht und im Jahr darauf bereits promoviert. Nach praktischen Tätigkeiten im Stadtkrankenhaus Hannover und einem Feldeinsatz als Knochenflicker im Deutsch-Französischen Krieg, zog es Schüller Ende 1871 als Gerichtswundarzt nach Sachsen, wenig später nach Greifswald, wo er sich chirurgisch weiterbilden und am dortigen Institut anstellen ließ. Auf die 1876 abgeschlossene Habilitation folgte 1880 die Tiutularprofessur. Drei Jahre später übersiedelte der publizierfreudige Arzt nach Berlin, wo er die Leitung der chirurgischen Poliklinik des Vereins für häusliche Gesundheitspflege übernahm, illustres Klientel bediente und sich 1889 der deutschlandweit ersten erfolgreich durchgeführten Appendektomie rühmte.

Der an der Berliner Universität dozierende Vieloperateur tüftelte aber nicht nur an chirurgischen Problemen, sondern frönte immer wieder intensiv der früh entwickelten Leidenschaft für im Körper teils böswillig agierende Kleinstlebewesen. Er war – wie viele andere ambitionierte Spezialisten der Zeit – voller Elan zum Wettlauf um die Heilung bis dato unheilbarerer Massenübel wie Tuberkulose, Syphilis und Krebs angetreten, was vor allem die Briefe des Jahres 1902 belegen. Schüller beweist einen hervorragenden Überblick über die Arbeit internationaler Kollegen, die er kommentiert und (zuweilen etwas überheblich) mit der eigenen, besseren Forschung vergleicht. Ein Augenmerk liegt auf der parasitär gewähnten Ursache von Krebs und Sarkomen, er experimentiert mit Kulturen und Präparaten, ist sich sicher, den Krankheitserreger gefunden und eine „bahnbrechende Entdeckung“ gemacht zu haben, während der vom „Franzosen Doyen kultivierte „Kokkus“ keine Zukunft hat“. Er erfreut sich zwar vielfachen Zuspruchs, ärgert sich aber auch über die „unsachliche und unwissenschaftliche“ Opposition, die seine als „Korkzellen“ identifizierten Krankmacher trotz just veröffentlichter Abhandlung als Hirngespenst abtut, obwohl es ihm doch gelungen ist, anhand seiner Züchtungen „krebsige Veränderungen“ in Kaninchennieren nachzuweisen. Ein zweiter Fokus liegt auf der Klassifizierung des Schreckgespenstes Syphilis als Infektionsleiden, wobei er hofft, mit den neu gewonnenen Erkenntnissen auch verschiedene andere Krankheiten verstehen zu können. An „Gummiknoten“ tertiärer Syphilis hat er drei Parasiten lebend beobachten können, beschreibt sie als „große Sporenkapseln, glänzend hellgelb, mit deutlichen Bewegungserscheinungen und trichterförmigen Ausstülpungen“, skizziert sie am Blattrand und setzt sie in Bezug zu den in frühen Stadien gefundenen Lebewesen mit Borsten und „Rauhigkeiten“.

Die in den Briefen selbstbewusst vertretenenen Theorien des zweifellos brillanten Kopfes offenbarten sich letztlich als irrig: Die Endeckung des Syphilis-Bakteriums gelang nur drei Jahre später durch die Wissenschaftler Fritz Schaudinn und Erich Hoffmann. Die Existenz eines „Krebsparasiten“ konnte nach Veröffentlichung der Studien von Medizinern nicht nur nicht nachgewiesen, sondern auch gänzlich widerlegt werden. Schüller starb 1907, beruflich und gesundheitlich schwer angeschlagen, im Alter von nur 64 Jahren.

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Mit herzlichen Grüßen
Ihr Irrgang Fine Arts-Team