coming soon: Berlin Andreas Hachulla – „Decadent Decade“
Mit Andreas Hachulla
Andreas Hachulla – „Decadent Decade“
Digital Impressionism 2016–2026
„Decadent Decade“ versammelt Arbeiten, die Andreas Hachulla über das letzte Jahrzehnt hinweg vornehmlich im Berliner, aber auch im internationalen Nachtleben angefertigt hat – in Clubs, Bars, auf Konzerten und Veranstaltungen, in den ephemeren Zwischenräumen der Städte von Wuppertal bis New York City. Viele dieser Orte haben sich seither verändert oder sind bereits verschwunden. Andreas Hachulla begann sich ab 1995 in seiner Heimatstadt Leipzig für das Nachtleben zu begeistern; in Berlin traf diese Faszination Mitte der 2010er Jahre auf seine Hinwendung zur digitalen Malerei.
Er zeichnet und malt vor Ort auf dem Smartphone. Wo Fotografieren verboten ist, insbesondere in den Berliner Clubs, wird das Gerät vom Aufnahmemedium zum Skizzenblock und zugleich zur digitalen EMR[1]Leinwand. Zwischen Gespräch, Musik und Dunkelheit bleiben oft nur fünf bis fünfzehn Minuten, um eine Zeichnung fertigzustellen. Ein Lichtblitz legt kurz einen Raum frei, schält eine Figur aus dem Schwarz oder lässt eine Betonstruktur aufscheinen, ehe alles wieder versinkt. Wahrnehmung, Erinnerung und zeichnerische Entscheidung fallen nahezu zusammen. Alle Bilder entstanden unmittelbar in der Szenerie, ohne fotografische Vorlagen und ohne generative KI.
Die Arbeiten stehen in einem eigentümlichen Gegensatz: Sie entstehen mit einem digitalen Medium unter Zuhilfenahme zeitgenössischer Technologie, folgen aber einer der ältesten künstlerischen Praktiken, dem Zeichnen und Malen vor dem Motiv. Das Smartphone wird zum Atelier in der Hosentasche, der Club zur nächtlichen Pleinair-Situation. Was die Impressionisten im Freien erprobten, den flüchtigen Lichteindruck, geschieht hier im Dunkel des Clubs. Aus übereinandergelegten digitalen Strichen und transparenten Flächen entstehen Verdichtungen, die an Lasuren erinnern und doch in der Geschwindigkeit des alla prima entstehen. Die begrenzte Bildschirmgröße, die anfänglich überschaubare Auflösung und die teils offenkundig simulierten Werkzeuge der verwendeten kostenlosen Zeichen- und Malprogramme werden nicht verborgen, sondern bleiben nach Dateispeicherung unverändert Bestandteil der Bilder. In den teils großformatigen Prints tritt das Pixel neben den Duktus der Hand, als Spur des technischen Ursprungs.
Andreas Hachullas Tätigkeit als Architekt ist in diesem Blick auf das Nachtleben präsent. Menschen erscheinen kaum unabhängig von den Räumen, in denen sie sich bewegen; Treppen, Bühnen, Lichtanlagen, Betonwände werden zu einer Architektur temporärer Gemeinschaft. Der Club ist hier weder bloße Kulisse noch gesellschaftliches Phänomen, vielmehr ein gebauter Resonanzraum, in dem Körper, Klang, Licht und Raum für einige Stunden, bisweilen auch Tage eine fragile Einheit bilden.
Solche Räume sind Gegenwelten und zugleich Seismografen ihrer Zeit. Wie in Berlin nach der Wende besetzten auch in Leipzig Clubs und illegale Raves städtische Brachen, die noch auf ihre ökonomische Verwertung warteten. Einige dieser Orte haben überdauert, wenn auch andernorts, etwa der Tresor in Berlin und die Distillery in Leipzig, die beide ihre namensgebenden Gebäude verlassen mussten.
Die Arbeiten dokumentieren keine abgeschlossene Szene, sondern eine Gegenwart im Moment ihres Verbrauchs. Darin liegen ihre Melancholie und ihre eigene Form von Dekadenz: weniger Luxus als Überfülle unmittelbar vor dem Verlust, mit Nächten ohne erkennbares Ende, enormen Inszenierungen für begrenzte Zeiträume, Licht, Lautstärke, Rausch. Das Vergängliche wird nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Vergänglichkeit intensiv.
Was zuvor als fortlaufende Bilderchronik erschien, lässt sich heute durch die Zäsur der Pandemie auch als Zeugnis einer Zeit davor lesen. Inzwischen beschleunigen Verdrängung, Kommerzialisierung und die Transformation urbaner Räume das Clubsterben, das in der Vorläufigkeit der meisten dieser Räume von Beginn an unterschwellig angelegt war.
Andreas Hachulla dokumentiert das Spektakel nicht von außen, sondern steht mittendrin und hält für einen Moment inne.
„Decadent Decade“ ist das Archiv einer Gegenwart, die nicht wusste, dass sie bereits Vergangenheit wurde